2019

Was ein ungeregelter Brexit für die Pharmaindustrie bedeutet

Der offizielle Termin des britischen EU-Austritts am 29. März rückt immer näher, doch die Details sind weiter unklar. Nachdem die Abgeordneten des Unterhauses das von der britischen Regierung und der Europäischen Union ausgehandelte Austrittsabkommen am 15. Januar abgelehnt haben, ist das Szenario eines ungeregelten Brexit jedoch wahrscheinlicher geworden. Die Folgen für die Pharmabranche wären gravierend.

Drohende Arzneimittelengpässe

Eine Milliarde Arzneimittelpackungen werden laut dem Verband forschender Pharmaunternehmen jährlich zwischen dem Vereinigten Königreich und den anderen EU-Staaten gehandelt.* Dank des europäischen Binnenmarkts können die Warenströme in der EU frei zirkulieren, ohne dass auf die Güter Zölle anfallen. Ein ungeregelter Brexit würde hingegen bedeuten, dass der Handel zwischen Großbritannien und der Europäischen Union nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO abgewickelt würde. Die Konsequenzen wären nicht nur wirtschaftliche Probleme durch Grenzkontrollen und Zölle, sondern auch Arzneimittelengpässe.

Insbesondere in Großbritannien ist die Versorgung der Patienten gefährdet, da die großen Ressourcen der EU wegfallen würden. Zwar haben Pharmafirmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals ihre Vorräte drastisch aufgestockt. Es ist allerdings unklar, ob das ausreicht, um die absehbaren Lieferengpässe zu kompensieren. Manche Medikamente können wegen der geringen Haltbarkeit zum Beispiel nicht über einen längeren Zeitraum gelagert werden. Deshalb ist es dringend notwendig, dass London und Brüssel sich auf spezielle Übergangsfristen einigen, um die schlimmsten Auswirkungen abzumildern.

Mehr Arbeit für Zulassungsbehörden

Weitere Schwierigkeiten drohen dadurch, dass derzeit viele Roh- und Wirkstoffe über Großbritannien auf den EU-Markt gelangen. Ein Viertel aller in der Europäischen Union erhältlichen Medikamente haben nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller eine britische Zulassung.** Noch gilt diese für die ganze Union. Kommt es aber zu einem ungeregelten Brexit, ist eine Neuzulassung in der EU notwendig. Wegen der zu erwartenden Überlastung der Gesundheitsbehörden könnte dieser Prozess Monate dauern. Deshalb stehen Großbritannien und die EU vor der Herausforderung, schnell eine praktikable Lösung im Interesse der Patienten zu erzielen, die auf ihre gewohnten Medikamente angewiesen sind.   

Pharmahandel eingebrochen

Die schon lange herrschende Ungewissheit über die künftigen Beziehungen zeigt bereits negative Auswirkungen. Zahlen des Branchenverbands VCI zufolge ist der Handel der deutschen Chemie- und Pharmabranche mit Großbritannien eingebrochen.*** So sank das Handelsvolumen mit dem Vereinigten Königreich 2018 im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent auf 16 Milliarden Euro. Im Jahr 2017 betrug der Warenwert der ausgetauschten Chemieprodukte und Medikamente noch 17,7 Milliarden Euro. Durch den Rückgang der Ex- und Importe rutschte Großbritannien binnen eines Jahres vom siebten auf den achten Platz der wichtigsten Handelspartner der deutschen Chemie- und Pharmabranche ab. Im Falle eines ungeordneten Brexit ist die Gefahr groß, dass die Branchenkonjunktur weiter an Fahrt verliert.

 

*) https://www.vfa.de/de/wirtschaft-politik/politik/brexit

**) https://www.presseportal.de/pm/54882/4167251

***) https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/um-fast-10-prozent-pharma-handel-mit-grossbritannien-bricht-ein/23872032.html


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