2019

Digital Health: Bürger zweifeln noch – Brüssel drückt aufs Tempo

Der Ansturm auf die Notaufnahmen ist außerhalb der Praxiszeiten groß. Doch oft ist es schwierig, die Patienten schnell zu versorgen. Dank des technischen Fortschritts könnten Roboter in Krankenhäusern schon bald einen Teil der Arbeit übernehmen. Die Bürger sind von künstlicher Intelligenz (KI) im Klinikalltag aber noch nicht restlos überzeugt. Das zeigt eine aktuelle, repräsentative Studie der pronova BKK. Zwar ist die Mehrheit der Deutschen damit einverstanden, Maschinen Verwaltungsarbeit zu übertragen. Bei der direkten Patientenversorgung sehen sie deren Einsatz aber deutlich kritischer.1

Immerhin 55 Prozent der Befragten können sich vorstellen, administrative Tätigkeiten an digitale Helfer zu delegieren, zum Beispiel die Dokumentation abrechenbarer Leistungen für Krankenkassen oder die Aktualisierung der elektronischen Patientenakte. Doch bei verantwortungsvolleren Tätigkeiten überwiegt die Skepsis. So sind vier von zehn Deutschen offen für den Einsatz technischer Lösungen bei der Vergabe und Zusammenstellung von Medikamenten. Lediglich jeder Dritte wäre einverstanden, wenn künstliche Intelligenz die Patienten in der Notaufnahme nach Dringlichkeit vorselektieren oder eine virtuelle Rund-um-die-Uhr-Beratung anbieten würde. Den Einsatz von Robotern zum Wechseln von Verbänden würde ebenfalls nur jeder Dritte gutheißen. Noch geringer ist die Bereitschaft, sich operieren zu lassen, wenn Roboter bei der Durchführung unterstützen. Drei Viertel der Bundesbürger lehnen dies ab. Immerhin stimmen 54 Prozent der Befragten zu, technische Lösungen im OP zur Überwachung von Vitalfunktionen einzusetzen.2

Drei Schwerpunkte für das Gesundheitswesen

Doch der technologische Fortschritt ist auch eine große Chance für das Gesundheitswesen, um die Patienten künftig besser zu versorgen. Spannend ist, wer die technischen Lösungen entwickelt, die in Zukunft eingesetzt werden könnten. Der Wettbewerbsdruck aus China und den USA ist für europäische Firmen hoch. Deshalb will die Europäische Kommission die Entwicklung von KI in Europa vorantreiben. Es ist geplant, dass bis 2020 europaweit und branchenübergreifend insgesamt 20 Milliarden Euro aus privater und öffentlicher Hand investiert werden. Die Kommission selbst will 1,5 Milliarden Euro beisteuern und eine halbe Milliarde Euro aus dem Europäischen Fonds für Strategische Investitionen mobilisieren.3

Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens hat sich die EU-Kommission drei Schwerpunkte gesetzt: Dazu gehört erstens der künftige sichere, grenzüberschreitende Zugang zu elektronischen Gesundheitsakten und die Möglichkeit, die Daten über Landesgrenzen hinweg zu teilen. Um den Datenschutz überall zu gewährleisten, will die EU-Kommission Empfehlungen zu den technischen Details abgeben. Zweitens will Brüssel, dass nationale Behörden und Forscher Daten und Infrastrukturen stärker gemeinsam nutzen. Der Zugriff auf größere Datensätze dürfte es erleichtern, Krankheiten und Epidemien vorzubeugen sowie die personalisierte Medizin voranzutreiben. Drittens soll die Versorgung der Bürger mit digitalen Hilfsmitteln aus dem Gesundheitsbereich, zum Beispiel zur selbstständigen Überwachung von Blut oder Zucker, gefördert werden.4

Es ist zu begrüßen, dass Brüssel die Entwicklung künstlicher Intelligenz in Europa unterstützt und so den Wettbewerb fördert. Angesichts der finanzstarken Konkurrenz durch chinesische Staatskonzerne und US-amerikanische Tech-Giganten ist das notwendig. Doch bei der Umsetzung technischer Lösungen in der Praxis sollten die Sorgen der Menschen im Blick zu behalten werden. Das gilt insbesondere für einen so sensiblen Bereich wie das Gesundheitswesen. Für den Einsatz im Krankenhaus bedeutet das, zunächst bei KI-gesteuerten Angeboten auf Freiwilligkeit zu setzen und im Zweifel die Rücksprache mit menschlichem Personal zu ermöglichen.

 

1)https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/digitalisierung_it/kuenstliche_intelligenz/article/989860/digital-health-stehen-patienten-robotik-ki.html

2)https://www.cash-online.de/versicherungen/2019/im-notfall-kommt-der-roboter-jeder-dritte-ist-einvestanden/469303

3)https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/94747/Bruessel-will-kuenstliche-Intelligenz-in-Europa-vorantreiben

4)https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/95177/EU-Kommission-setzt-drei-Schwerpunkte-bei-Digitalisierung-im-Gesundheitswesen

 

 


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