2019

Deutschland hinkt bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens hinterher

Der digitale Fortschritt kommt bei den Patienten in Deutschland kaum an. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung liegt das deutsche Gesundheitswesen bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich auf Platz 16 von 17 untersuchten Staaten. Vorreiter sind Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien, wo neue Technologien im Alltag in Praxen und Kliniken bereits weit verbreitet sind. So haben die Bürger in Estland und Dänemark zum Beispiel online Zugriff auf ihre Untersuchungsergebnisse und können selbst verwalten, wer sie sehen kann. In Israel kommt bei der Krebs-Früherkennung systematisch Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Zudem bieten viele Ärzte dort genauso wie in Kanada Ferndiagnosen und -behandlungen an.

Im Gegensatz dazu arbeitet Deutschland noch an den Grundlagen. Der Studie zufolge sind noch längst nicht alle Arztpraxen an eine sichere digitale Verbindung angeschlossen. Zudem müssen die Krankenkassen bis zum Jahr 2021 digitale Patientenakten anbieten – doch es fehlt ein klarer Kompass für die Umsetzung. Darüber hinaus ist die Fernbehandlung in Deutschland zwar rechtlich möglich, aber nur wenige Mediziner bieten den Service an. Was den Studienautoren zufolge fehlt, ist eine effektive Strategie und entschlossenes politisches Handeln. Sinnvoll sei deshalb eine „Agentur für digitale Gesundheit“, die Technikstandards definiert, Ziele vorgibt und die Vielzahl von Aufgaben und Interessen steuert. Ein solches nationales Kompetenzzentrum haben fast alle anderen untersuchten Länder bereits eingerichtet.*  

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat erkannt, dass Deutschland Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung hat. So rief er zum Beispiel im Herbst 2018 Start-ups und Forscher dazu auf, Konzepte für die Anwendung der Blockchain im Gesundheitswesen einzureichen.** Generell hat Spahn zum Thema Digitalisierung bisher viel angekündigt und wenig umgesetzt.

Digitale Kommunikation braucht Regeln

Auch nach Einschätzung von Professor Jörg Debatin, dem Vorsitzenden der Initiative Gesundheitswirtschaft (IGW), fehlt Deutschland ein regulatorischer Rahmen für die digitale Kommunikation im medizinischen Bereich. Aufgabe des Staates sei es, zu definieren, wie Arzt und Patienten künftig kommunizieren sollen und welche Datenformate und Sicherheitsaspekte es zu berücksichtigen gibt. Darüber hinaus müsse er regeln, welche Plattformen eingesetzt und wie die Ärzte für digitale Kommunikation entlohnt werden sollen.

Debatin verweist aber auch auf die Möglichkeit, mithilfe der Digitalisierung das Gesundheitssystem effektiver zu machen. So würde etwa durch eine automatisierte Medikamentenverteilung im Krankenhaus die Fehlerquote gesenkt. Zudem hätten die Pflegekräfte auch mehr Zeit, sich um die Patienten zu kümmern. Darüber hinaus sei das Potenzial für Effizienzsteigerungen in der Radiologie enorm. So könne selbstlernende Software viele Aufgaben bereits genauso gut erfüllen wie Menschen. In rund 20 Jahren werde es sogar keine Pathologen mehr geben, die Zellen durch ein Mikroskop betrachten und darauf basierend Diagnosen erstellen. Vielmehr seien dann Maschinen dazu in der Lage, das zu tun.***  

Ohne Investitionen ist kein digitaler Fortschritt möglich

Vom Nutzen der Digitalisierung für die Patienten ist auch der Professor und E-Health-Experte Siegfried Meryn überzeugt. So glaubt er, dass die Medizin von morgen präzise, präventiv und personalisiert sein wird. Viele Arztbesuche wären künftig überflüssig, da die Betreuung der Patienten ganz einfach über eine App funktioniere. Um digitalen Fortschritt zu ermöglichen, seien aber Investitionen sowie entsprechende Infrastruktur und Rahmenbedingungen nötig, wofür heute oft noch das Verständnis fehle. Wenn sich das ändert, dann rechnet Meryn damit, dass Krankenhäuser in zehn Jahren nur noch für akute Notfälle gebraucht werden und der Rest der Patienten virtuell behandelt wird.****

 

*) https://www.zwp-online.info/zwpnews/dental-news/branchenmeldungen/studie-digitaler-fortschritt-kommt-beim-patienten-kaum-an

**) https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/10/30/blockchain-im-gesundheitswesen-spahn-lobt-ideenwettbewerb-aus

***) https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/e-health/article/981573/e-health-laeuft-digitalisierung-patienten-alltag-vorbei.html

****) https://www.trendingtopics.at/siegfried-meryn-podcast/


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